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Corona und die Zivilgesellschaft

Ein Beitrag von Edgar Grande und Swen Hutter

In Katastrophen und Krisen ist nicht nur der Staat gefordert. Solche Notsituationen kennzeichnen auch die spontane Hilfsbereitschaft und die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger. Besonders beeindruckend war das große Engagement der Zivilgesellschaft in Deutschland zuletzt in der sogenannten Flüchtlingskrise im Herbst 2015. Sie führte zu einer starken Zunahme des bürgerschaftlichen Engagements und gilt zu Recht als „Sternstunde der Zivilgesellschaft“ (PDF). Auch in der Corona-Krise engagieren sich die Menschen wieder auf vielfältigste Weise, es sind zahlreiche neue Helferinitiativen und Solidaritätsaktionen entstanden. Das Engagement reicht von der Unterstützung alltäglicher Aktivitäten wie Einkaufen und Transport über den Umgang mit Einsamkeit und Angst hin zur Bewältigung sozialer Notlagen und vieler anderer Bedürfnisse, die neue Lösungen erfordern.

Können wir also erwarten, dass auch die Corona-Krise zu einem Aktivierungsschub in der Zivilgesellschaft und zu einer nachhaltigen Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts führt? Wir sollten uns nicht vom ersten Eindruck täuschen lassen. Ein genauer Blick auf die derzeitige Situation in Deutschland und in vorliegende Studien zu den Auswirkungen von Naturkatastrophen auf das soziale Kapital einer Gesellschaft gibt Anlass zu Zweifeln.

Zunächst: In der Corona-Krise ist nicht nur die Wirtschaft zum Stillstand gekommen, sondern auch weite Teile der Zivilgesellschaft. Exemplarisch zeigt sich dies an den Tafeln. Trotz steigender Nachfrage ist fast die Hälfte der Tafeln bundesweit zurzeit geschlossen. Gleichzeitig befürchtet die Verbandsspitze, dass viele Ehrenamtliche (90 Prozent gehören aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe) auch nach der Pandemie ihre Tätigkeit nicht wieder aufnehmen. Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens, die zur Bekämpfung der Corona-Pandemie eingeführt wurden, haben daher drastisch vor Augen geführt, dass der Zugang zum öffentlichen Raum und die Möglichkeit des gemeinsamen Handelns vor Ort für das bürgerschaftliche Engagement unverzichtbar sind. Die Corona-Krise hat die Bürgerinnen und Bürger nicht nur aktiviert, sie hat die Möglichkeiten des bürgerschaftlichen Engagements auch erheblich eingeschränkt – und es ist zu befürchten, dass einige dieser Beschränkungen noch längere Zeit weiter bestehen werden.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina kommt in ihrer Stellungnahme vom 13. April 2020 zum Ergebnis: „Die aktuellen Maßnahmen zur Verlangsamung der Ansteckungen führen … zu einer empfindlichen Schwächung der Zivilgesellschaft. […] Die Aktivitäten der Vereine – von den Sport- und Kulturvereinen über Freundes- und Fördervereine bis zu den Basisorganisationen des politischen und kirchlichen Lebens – sind größtenteils eingestellt. Große Bereiche der organisierten Zivilgesellschaft existieren aktuell lediglich in digital geknüpften Netzwerken in geschrumpfter Form.“ Aber solche digitalen Angebote und Aktivitäten sind offensichtlich nur Notbehelfe, und es ist sehr fraglich, ob sie über längere Zeit hinweg ein hinreichender Ersatz für gemeinsame Aktivitäten sein können. Vor diesem Hintergrund schlägt die Leopoldina vor, den öffentlichen Raum schrittweise für zivilgesellschaftliches Engagement wieder zu öffnen – „sobald irgend möglich“.

Aber wird das ausreichen? Wird sich die Zivilgesellschaft von diesem Shutdown so ohne Weiteres wieder erholen? Die Ergebnisse der vorliegenden empirischen Studien zu den Auswirkungen von Naturkatastrophen, von Erdbeben und Flutkatastrophen, auf das soziale Kapital einer Gesellschaft können bei der Beantwortung dieser Fragen helfen. Am Beispiel der gesellschaftlichen Folgen von Hurricane Katrina, der im Jahr 2005 im Süden der USA große Schäden verursachte, wurde das unter anderem von Lili Wang und Nazifi Emel Ganapati erforscht. Drei Befunde dieser empirischen Untersuchung sind mit Blick auf die aktuelle Situation der Zivilgesellschaft in der Corona-Krise besonders aufschlussreich. Erstens: Katastrophen schwächen kurzfristig das soziale Kapital einer Gesellschaft. Sie zerstören soziale Beziehungsnetzwerke, sie behindern die Aktivitäten von Vereinen, Projekten und Initiativen; und sie schwächen die freiwilligen Zusammenschlüsse der Bürgerinnen und Bürger finanziell und personell. Zweitens: Nach einer Katastrophe wächst das soziale Kapital wieder – aber es wächst langsamer als zuvor, sodass die Gefahr besteht, dass es dauerhaft geschwächt wird. Wie kann das verhindert werden? Hier ist nun der dritte Befund der Studie interessant. Die Autorinnen haben nicht nur die Entwicklung des sozialen Kapitals vor und nach der Katastrophe untersucht, sie haben auch betroffene Regionen in mehreren US-Bundesstaaten miteinander verglichen. Der Vergleich zeigt, dass staatliche Unterstützung nach der Katastrophe für die weitere Entwicklung der Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle spielt. Das soziale Kapital erholte sich dort besonders schnell, wo die Zivilgesellschaft gezielt vom Staat durch Hilfsprogramme unterstützt wurde.

Auch wenn sich diese Forschungsergebnisse nicht so ohne Weiteres auf die aktuelle Situation in Deutschland übertragen lassen, so legen sie doch den Schluss nahe, dass wir nicht nur Rettungsprogramme für die Wirtschaft benötigen, sondern dringend auch koordinierte Programme des Bundes und der Länder zur gezielten Unterstützung der Zivilgesellschaft. Viele der ersten Hilfsprogramme waren nicht auf Non-Profit-Organisationen und zivilgesellschaftliche Strukturen zugeschnitten. Solche Programme sollten zudem der Vielfalt bürgerschaftlichen Engagements in all ihren Formen, in Vereinen, Initiativen und zivilgesellschaftlichen Projekten, gerecht werden. Vom Umfang und der Wirksamkeit der staatlichen Unterstützung für die Zivilgesellschaft wird ganz entscheidend abhängen, wie das neue Gesicht unserer Gesellschaft nach der Corona-Krise aussehen wird.

Lesen Sie den Originalartikel hier.


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